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Warum ragt gerade Nicaragua heraus mit einer ganzen Phalanx von Poeten, die seit dem 19. Jahrhundert (vielleicht auch schon früher) die Literatur der Welt bereichert? Dazu gibt es eine Reihe von Deutungen, die sich teilweise abstrus, zumindest aber abenteuerlich anhören. Grund für die viele Dichtung sei der Einfluss der Vulkane, es sei die unbändige Freiheitssehnsucht, die die Menschen zur Feder greifen lässt, die alten indianischen Traditionen würden auch Spuren der Poesie in der Gegenwart hinterlassen.
Als ich 1968 zum ersten Mal Nicaragua besuchte, erzählte mir der Dichter und Journalist Pablo Antonio Cuadra, sogar Eingaben ans Finanzamt wurden in Verse gegossen – und auf vielen Grabsteinen würden sich letzte Gedichtzeilen des Verstorbenen finden. Tatsächlich überraschte mich bei dieser ersten Reise im fremden Land die Allgegenwärtigkeit der Dichtung. Ich will eine mehr nüchterne Deutung versuchen, auch wenn die oben genannten ihren Reiz haben. Sucht man auf der Erde andere Länder, wo Gedichte eine überraschend große Rolle spielen, stößt man auf Island, Irland und noch einige andere verlassene oder unterdrückte Weltgegenden. Da reiht sich Nicaragua ein. Wo der Mensch einsam ist, wächst jene Sehnsucht, die sich in gefasster Sprache äußert. Aber auch jene Sprache, die ironisch, klagend oder jubelnd die Liebe, die Leidenschaft oder die Freiheit feiert. Ein Element aber ist im Fall Nicaragua wohl ebenso wichtig. Das Land hat den ersten großen Dichter hervorgebracht, der den Abschied von der bislang herrschenden höfischen Dichtung Spaniens einleitete: Rubén Darío. Kein Bürgerhaus, kaum eine Hütte, in der nicht ein Bild des Dichters oder eine meist zerfledderte Ausgabe seiner Werke zu finden ist. Darío ist der Stolz dieses Landes und ich meine, dass ein solches Vorbild Folgen zeitigt – in allen Kreisen der Bevölkerung. Es ist vor allem der Glaube an die Bedeutung der Poesie für die Verankerung des Lebens, die mich so beeindruckt hat; man kann auch sagen: für die Identität als Mensch, als Nicaraguaner, als Weltbürger. Denn der Poesie Nicaraguas haftet – trotz aller Beschäftigung mit sich selbst – etwas Weltläufiges an, so als sei die Globalisierung der Sprache vorweggenommen. Als Ernesto Cardenal Kulturminister war (1979 bis 1986), gründete er, der Eiferer, die sogenannten „Werkstätten der Poesie“. Ich habe Zweifel, ob das ein nachahmenswertes Zukunftsprojekt war, denn Sprache ist frei und unabhängig. Poesie lässt sich nicht züchten wie Salatpflänzchen. Trotzdem sind in den „Werkstätten“ einige wunderbare Texte entstanden. Wichtiger schien mir in jenen Jahren die Entscheidung des Ministers, die Herausgabe der arrivierten Dichter zurückzustellen und Volkspoesie in schönen Ausgaben zu drucken. Das sind bleibende Dokumente! Einige große Poeten Nicaraguas des 19. Und 20. Jahrhunderts seinen hier genannt, auch wenn leider die meisten nicht in die deutsche Sprache übersetzt wurden: Azarías H. Pallais (seine Bibliothek wurde während seiner Beerdigung gestohlen), Alfonso Cortéz (der Hölderlin Nicaraguas), Salomón de la Selva, Luis A. Cabrales, José Coronél Urtecho (der Onkel Ernesto Cardenals), Manolo Cuadra, Pablo Antonio Cuadra, Joaquin Pasos, Maria Teresa Sanchez, Mariana Sansón, Carlos Martinez Rívas (ein wunderbarer Dichter und Trinker), Fernando Silva (der sensible, aber deftige Kinderarzt), Ernesto Gutiérrez (von dem ich zum ersten Mal den Namen von Josef Beuys hörte), Mario Cajina Vega, Gioconda Belli (sie zeigte neue poetische Wege der Erotik), Michéle Najlis, Leonel Rugama (der im Kampf gegen Somozas Schergen ums Leben kam). Hermann Schulz im Juli 2008
Hermann Schulz, geboren 1938, lebt als Autor in Wuppertal. Er hat zwischen 1968 und 2004 als Verleger und Vertreter der Solidarität Nicaragua mehr als 25 Mal besucht und verfasste drei Bücher über das Land. Zuletzt erschien sein Roman „Lege nieder dein Herz“ (Carlsen-Verlag).
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