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Christian Andersch

Christian Andersch
»Raus aus Deutschland! – Zivildienst im Ausland«

Leben in den Tropen

Es ist heiß in der Bibliothek. Im Luftstrom des Ventilators stehe ich vor meinen Englischschülern: „Hello, my name is Christian. I am your English teacher.“ Sie wiederholen den Satz, sichtlich amüsiert darüber, dass auch der Ventilator nur heiße Luft verteilt. 

Ich befinde mich in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Jetzt im Mai, kurz, bevor die Regenzeit einsetzt, ist die Hitze besonders Drückend. Ein Satz Wäsche pro Tag. Und zu Hause muss ich alles von Hand waschen.

Im Oktober habe ich mich auf den Weg hierher gemacht, habe mein Hamburger Abiturientenleben gegen das eines Freiwilligen in einem Dritte Welt Land getauscht. Ich habe ein kleines Zimmer gemietet, unweit meines Arbeitsplatzes. Privatsphäre gibt es hier nicht, man lebt bei den Nachbarn im Wohnzimmer, teilt mit ihnen Musikgeschmack und das morgentliche Klingeln des Weckers.

 

Man muss sich entscheiden: helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Jedes Jahr machen sich etwa zwanzig bis fünfundzwanzig junge Deutsche auf den gleichen Weg. Sie wollen etwas Sinnvolles tun, sie wollen helfen, wo Hilfe dringend gebraucht wird. Verteilt in ganz Nicaragua leisten sie ihre Arbeit. Dieses Jahr gehöre auch ich zu Ihnen. 

Ich bin Zivildienstleistender in Managua. Mein Arbeitsplatz ist die Biblioteca Alemana Nicaragüense. Die zehn nicaraguanischen Mitarbeiter sagen der Kürze halber „el Zivi“. Seit fünf Jahren schon kommen Freiwillige hier her und unterstützen das Projekt. 

Wenn man mit dem Abitur fertig ist, dann muss man sich entscheiden: Was will ich machen? Für uns junge Männer ist die erste Frage: „Bund oder Zivi?“ Seitdem ich nach der 10. Klasse ein Jahr in Argentinien verbrachte, weiß ich: Reisen ist die beste Bildung. Und so stand für mich schon sehr bald nach meiner Rückkehr fest, dass ich so bald wie möglich wieder ins Ausland gehen würde. So bald wie möglich, das war für mich nach dem Abitur. 

Viele meiner Freunde trieb der gleiche Gedanke: raus aus Deutschland! Die einen machten Praktika, die anderen – vornehmlich die Frauen unter ihnen – machten sich für ein Jahr auf Reisen. Sie würden schon etwas passendes finden auf dem Weg. Ich mache Zivildienst.

 

Wir leben in Europa ein Leben, von dem die Menschen nicht zu träumen wagen

Mich hatte damals schon die Tatsache gestört, dass wir in Europa ein Leben leben, von dem die meisten Menschen nicht zu träumen wagen. Die staatliche Entwicklungshilfe investiert oft in die falschen Breiche, die protektionistische Wirtschaftspolitik der EU wirkt sich obendrein kontraproduktiv auf ihre Erfolge aus. Die Dritte Welt wird nicht selbstständig, sie wird immer abhängiger!

Gestört hat mich auch die Kritik an meiner eigenen Kritk: „Du hat leicht reden, du machst ja auch nichts!“ Sie hatten Recht. Wo könnte man besser Hilfe leisten, als vor Ort in den betroffenen Regionen?  

 

Zwischen Russland, Indien und Namibia stieß ich auf Nicaragua

Tausende von Deutschen arbeiten hauptamtlich in der Entwicklungshilfe. Viele deutsche Organisationen und Projekte, sogenannte NGO, kämpfen in der Dritten Welt für die Vergessenen Menschen. Das Bundesamt für Zivildienst (BAZ) listet auf 20 Seiten diejenigen Projekte auf, deren Arbeit es als der Gesellschaft dienlich anerkennt. Zwischen Projekten in Russland, Indien und Namibia stieß ich auf den Frankfurter Verein „Ein Bücherbus in Nicaragua e.V.“. 

Der Verein, der seit 1987 den Bücherbus Bertolt Brecht und seit 1993 dessen festen Stützpunkt, die Biblioteca Alemana Nicaragüense, finanziert, ist anerkannter Träger des Anderen Dienstes im Ausland (ADiA). Jedes Jahr wählt er aus einer Vielzahl von Bewerbern die Richtigen aus. Ihnen wird (ggf.) dieser Dienst als Zivildienst anerkannt, sofern sie diesen in Deutschland leisten müssten. Spanisch ist Pflicht, wie bei vielen anderen Projekten. Man spart Zeit und vermeidet Kommunikationsprobleme. Das macht die Arbeit effizienter. 

 

Schach matt der Armut: Jeder hat Talente!

Das größte Problem der Dritten Welt ist die Unterentwicklung. Armut darf hier nicht nur als materielle Armut verstanden werden. Sie ist viel mehr intellektueller Art.  Als Zivi in der Bibliothek gebe ich vor allem Englischunterricht und denke mir Aktivitäten für die Kinder aus, die ihr Potenzial fordern und fördern. Das marode Schulsystem Nicaraguas und fehlende finanzielle Ressourcen haben große Lücken entstehen lassen, die wir auf diese und andere Weise zu schließen versuchen. Gemeinsam mit anderen sozialen Einrichtungen organisieren wir zur Zeit ein Schachturnier für Kinder. Das Schachspielen soll es den Kindern ermöglichen, in Zukunft ihre Probleme selbst zu erkennen und zu lösen.  

Andere Projekte geben Flötenunterricht für Kinder, um in ihrem oftmals tristen, von Gewalt und Armut geprägten Alltag die Hoffnung auf Besserung nicht verloren geht. Vor allem aber gilt es, den Menschen ihre eigenen Talente zu zeigen, damit sie diese nutzen. Dazu braucht es viel Geduld und allen voran Verständnis für die unverschuldeten Defizite. Und dennoch: Jeder Mensch hat Talente! Mit ein bißchen Kreativität kann man diese ans Licht bringen. 

Indem ich den Menschen versuche zu helfen, habe ich von ihnen viel mehr gelernt, als sie je von mir lernen könnten. Das Leben hier ist eine Realität, die kein Film, keine Nachrichten je erklären könnten. Und so ist der Zivildienst im Ausland auch wegen der Erfahrungen, positiv wie negativ, ein Gewinn für beide Seiten.

 

Der berühmte Haken – wer bezahlt das Flugticket?

Leider ist auch unsere Hilfe zur Selbsthilfe nicht umsonst. Flug und Versicherung müssen bezahlt werden, ganz zu schweigen von den Lebenshaltungskosten. Die meisten Projekte leben ausschließlich von Spenden. Sie planen von Tag zu Tag in eine ungewisse Zukunft blickend. Ein Gehalt für den Freiwilligen ist da nicht mehr drin. Auch der Staat ist aus der Verantwortung: Bezahlter Urlaub? Schließlich bietet der ADiA – und das macht ihn doppelt reizvoll! - dem Freiwilligen die Möglichkeit, Erdteile zu bereisen, von denen er nicht zu träumen gewagt hätte. 

Die niedrigen Lebenshaltungskosten, sowie oftmals schwache Währungen machen es möglich, von ein paar hundert Euro pro Monat zu leben. Aber auch die wollen aufgetrieben sein. Entsendeorganisationen wie EIRENE und die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ermutigen ihre Freiwilligen in Spe, einen Spenderkreis aufzubauen, so dass die finanzielle Last nicht allein auf den Eltern liegen bleibt. 

 

Der Andere Dienst im Ausland – Wie werde ich „Auslandszivi?“

Anerkannte Kriegsdienstverweigerer können sich nach Paragraph 14b ZDG für mindestens elf Monate verpflichten, bei einer vom Bundesamt für Zivildienst (BAZ) anerkannten Trägerorganisation einen sog. Anderen Dienst im Ausland zu leisten. Der Dienstleistende wird dann von der Ableistung des Zivildienstes in Deutschland befreit. 

Der Prozess ist absolut unbürokratisch. Die Bewerbungen sind direkt an die Vereine/Projekte, bzw. deren Sitz in Deutschland zu richten. Wer sich bei einer bereits eingetragenen Organisation bewirbt hat mehr nicht zu tun. Der Verein bescheinigt gegenüber dem BAZ, den Dienstleister unter Vertrag genommen zu haben. Wie so oft gilt: wer zuerst kommt, malt zuerst. Und schon kann es losgehen! 

Für die Dauer des Dienstes kann der Freiwillige weiter Kindergeld beziehen. Die Organisation übernimmt die Versicherungskosten des Freiwilligen, kommt aber in den meisten Fällen nicht weiter für dessen Finanzierung auf! Mit Kosten zwischen € 2.000,- und € 3.000,- für ein Jahr ist zu rechnen. Je nach Gastland, können die Kosten auch höher ausfallen (z.B. Großbritannien, USA, u.a.).

Schwierig wird die Prozedur erst, wenn man den Dienst bei einem noch nicht anerkannten Projekt leisten möchte. Bis dieses vom BAZ anerkannt ist, können Monate vergehen, die dem Freiwilligen unter Umständen fehlen. Hier lohnt es sich, größere Entsendeorganisationen wie AFS, EIRENE oder die Aktion Sühnezeichen zu kontaktieren. Diese Organisationen sind anerkannte Träger des ADiA und können auch spontan neue Projekte aufnehmen.

 

Managua, Nicaragua, den 26. Mai 2006
Christian Andersch